Die Geschichte der Nebenbahn
Göppingen - Boll Kapitel 9: Tourismus und Sonderzüge
von Michael Ott
Von einem Skitag im Jahr 1929 berichten folgende lesenswerte Erinnerungen
des Göppingers F. Klotz: “Trotz Temperaturen von Minus 15 Grad traf sich ein Häuflein Unentwegter
am Göppinger Bahnhof und um 8 Uhr fuhr uns das Dampfzügle nach Boll. Damals
fuhren noch die Wagen mit den plumpen Holzbänken der ehemals 4. Klasse,
deren Lehnen aber so geschickt waren zum Auflegen der Skier zwecks Wachsen.
Damals waren die Skier aus massiver Esche, von Belägen und Stahlkanten wußte
man nichts. Der steile Waldweg vom Boller Bahnhof hinauf zur Gruibinger
Straße war bald geschafft, aber auf der Paßhöhe schlug ein bösartiger, den
Schnee in Wolken hochpeitschender, atemerstickender Sturmwind ins Gesicht,
so dass wir die letzten paar hundert Meter rannten, die schützende
Fichtenschonung am kleinen Boßler zu erreichen. Umkehren? Kein Gedanke!
Erste Etappe: Boßlerhaus mit Rast zum Verschnaufen. Unser Abfahrtsvergnügen
fanden wir zunächst am nahen “Geierstall”, einem feinen und windgeschützten,
später völlig mit Fichten zugepflanzten Hang. Nach mehr oder weniger
gekonnten Stemmbögen, Christiania-Schwüngen und Schußfahrten zog es uns zur
Weilheimer Skihütte. Auf dem Weg nach dort keine Menschenseele und überall
jungfräulicher Pulverschnee. Auch dort litt es uns nicht lange, denn das von
uns hochgeschätzte Dorado “Sickenbühl” lockte. Ein interessantes, kein ganz
leichtes Gelände, nichts für Anfänger. Schließlich, damit die bewährte Tour
vollständig werde, übers Waldwiesle hinab ins Schöntal und wir stand vor dem
Steilhang des Bläsiberges. Er schreckte uns nicht, im Gegenteil: Viermal
hinauf und hinab, dann besannen wir uns und schauten auf die Uhr; wir hatten
ja den Weg nach Boll noch vor uns! Langt´s nochmal? Ja. Aber dann im
Eilmarsch zurück. Oben am Berg am Bahnhof Boll angekommen, hörten wir das
Abfahrtssignal – welch ein Schreck! Wir schrien aus Leibeskräften, der
Schaffner hörte uns und der gute Mann ließ nochmals halten. Erschöpft und
dankbar sanken wir auf die harten Bänke ...”. Ein anspruchsloser, aber sehr
erlebnisreicher Sonntag in tief verschneiter Natur – ein Bericht fast wie
aus einer anderen Welt.
Anfang März 1949 (!) berichtete die NWZGöppigen:
“Hunderte Skiläufer fahren mit dem Zug in die Wintersportgebiete um Boll und
Weißenstein”. Doch auch im Jahre 2003 würde die Boller Bahn ihrer Rolle als
touristischer Verkehrsträger durchaus gerecht werden, denn nahezu der
gesamte Freizeitverkehr wird im Voralbgebiet mit dem Auto abgewickelt ! Die
Mitnahme von Fahrrädern in den Zügen ist kein Problem, Streckenwanderungen
entlang des Albtraufes zwischen zwei Bahnstationen oder Bäderbesuche in Boll
bzw. Heiningen bieten sich an, nicht zu vergessen die zahlreichen
Veranstaltungen und Festivitäten in den Voralbgemeinden und in der
Kreisstadt Göppingen, deren häufige Begleiterscheinung das gewohnt
umweltbelastende Verkehrschaos ist. Um ein noch breiteres, mitunter
überregionales Publikum anzusprechen, wäre zudem ein phasenweiser Einsatz
von historischen Schienenfahrzeugen sehr sinnvoll.
Ein positives Beispiel hierzu liefert die Nebenbahn Amstetten-Gerstetten,
wo saisonal an Wochenenden moderne und historische Fahrzeuge im Wechsel
eingesetzt werden. Ein optionaler Wochenendbetrieb als “Vorlaufbetrieb” zur
späteren Reaktivierung des ÖPNV Bahn entspricht auch den Vorstellungen des
Fördervereins. Neben den zahlreichen Ausflugsmöglichkeiten im Tagestourismus
nehmen die weithin bekannten Kur-, Tagungs- und Bildungsein-richtungen in
Boll traditionell eine wichtige Rolle ein: Das bereits 1595 gegründete Bad
mit Reha-Klinik und Kurpark, die älteste Evangelische Akademie in
Deutschland, die Margarethe-Hauschka-Schule, das Rudolf-Steiner-Seminar für
Heilpädagik, die Direktion der Europäisch-Festländischen Brüder-Unität, das
Tagungshotel Seminaris u.v.a. Jährlich verweilen über 40.000 Gäste
durchschnittlich 3,2 Tage in Bad Boll (ca. 135.000 Übernachtungen), hinzu
kommen jährlich noch rund 1,7 Millionen Tagesbesucher.
Ca. 40 % der in der Gemeinde getätigten Umsätze werden
durch den Fremdenverkehr erzielt, gut 500 Arbeitsplätze sind direkt
davon abhängig. Obwohl das Thema umweltverträgliche Mobilität in Boll
großgeschrieben wird, war und ist die Anreise der Gäste mit dem Privat-PKW
(wie überall) die Norm. Eine attraktive und kundenfreundliche Voralbbahn mit
bequemen Umsteigemöglichkeiten von und zu den Fernverkehrszügen in Göppingen
ist hierzu eine echte und Image fördernde Alternative!
weiter mit Fortsetzung [Dritter
Teil "Sonderzüge"]
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Geschichte
im Detail
verfasst von Michael Ott
Mit Engagement und Akribie befasste sich Michael Ott mit der Geschichte
der Boller Bahn.
Die folgenden Aufsätze geben ein umfassendes Bild der Entwicklung von der
ersten
Planung bis zur vorläufigen Stilllegung im Jahr 1989
Edition 1
Die Planungsphase seit 1899
Edition 2
1912 Expose von Dr. Keck
Edition 3
Das Endstadium der Planung
Edition 4
1926
Streckenbeschreibung
Edition 5
Die Eröffnung 1926
Edition 6
Fünf Jahrzehnte
Betriebsalltag
Edition 7
Auf dem Weg zur Stilllegung
Edition 8
Vorläufiger Abschied
Edition 9
Tourismus und Sonderzüge
Edition 10
Bahnhöfe und Gleisanschlüsse
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